no need of sun to light the way…

2. September

Hey Frank,

der rationale Teil von mir weiß, dass du dies hier nicht mehr lesen kannst. Allerdings gibt es da auch noch den Teil, der noch nicht wirklich begreifen kann, was vor drei Tagen passiert ist. Darum schreibe ich nun diese Zeilen, um mich von dir zu verabschieden – vielleicht wird dann auch dem Teil von mir, der es nicht wahr haben will, bewusst, dass dies ein Abschied für immer ist.

Du hast es uns aber auch nicht leicht gemacht, weißt du? Zunächst war da noch die vage Hoffnung, dass du vielleicht keinen Erfolg gehabt hattest mit deinem Vorhaben, hieß es doch am Sonntagabend noch, du seist schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht worden. Doch als ich – zum Glück erst nach Feierabend! – den Tweet von Grete_o_Grete in meiner Timeline las, wehte es dieses fragile Fetzchen Hoffnung mit einem heftigen Windstoß davon. Wenn du wenigstens den Rechner runtergefahren hättest… Ich weiß, das klingt zynisch, aber dass du in ICQ und Skype noch online erschienst, lediglich mit dem Status „away“, das war nicht weniger zynisch. Wie ich dich kenne, war das vielleicht sogar Absicht. Und die Musik spielte auch noch weiter; dein last.fm-Profil füllte sich munter weiter.

Das hat dann so einige Leute auf Twitter zu den wildesten Verschwörungstheorien veranlasst. Wie die Geier haben sie sich drauf gestürzt und allen, die wirklich um dich trauerten, blinde Naivität bescheinigt. Schließlich sind wir hier ja im Internet!!11^einseinsdrölf!! Wer da auch nur irgendwas glaubt, muss ja bescheuert sein. Ich kann mir deine Reaktion gut vorstellen, hättest du diesen Unsinn lesen können: Wie krank die Menschen doch alle sind, hättest du mal wieder festgestellt, wie zerstört diese Gesellschaft. Schlussendlich waren solche Leute mit ein Grund, weswegen du es hier nicht mehr ausgehalten hast.

Ich hätte daraufhin vermutlich erwidert: „Lass doch die Spinner ihre Verschwörungstheorien erfinden. Schau lieber, wie vielen Menschen es gerade wirklich zu Herzen geht, was geschehen ist. Wie viele Menschen dich geschätzt haben, und sei es nur über Twitter!“ Keine Ahnung, ob du mir da zugehört hättest, ob du die Augen aufgemacht hättest, um wirklich so genau hinzusehen. Vielleicht aber konntest du auf Grund deiner Krankheit wirklich nicht erkennen, wie vielen Menschen du doch etwas bedeutet hast, vielleicht wolltest du es auch einfach nicht sehen.

Im Nachhinein frage ich mich eh, ob du nicht die ganze Zeit nur eine Fassade gezeigt hast, selbst mir als Freund, vielleicht sogar selbst deinem besten Freund und gar deiner Schwester. Immerhin hast du ja oft genug betont, dass die Menschen sich eh alle auf irgendeine Art und Weise hinter einer Fassade verstecken. Ich konnte dir da nie widersprechen, ich selbst lasse ja Fremde nur ungern an mich heran. Andererseits denke ich dann an die vielen Male, an denen du mir deine Seele ausgeschüttet hattest und ich geduldig zuhörte, versuchte, dich zu trösten, dir Hilfe anzubieten.

Zuletzt dachte ich ja wirklich, du hättest dich gefangen, du hättest deinen Lebenswillen wiedergefunden. Zum Einen lag dein letzter Suizidversuch nun schon mehr als drei Jahre zurück, zum anderen hattest du dir, auch auf das Drängen von mir und, soweit ich dich verstanden habe, deiner Schwester, endlich professionelle Hilfe gesucht. Und offenbar hattest du da auch endlich einen Arzt gefunden, der dich wirklich zu verstehen schien, mit dem du offen reden konntest. Was ja zuvor nie der Fall gewesen war, wie du sagtest, weswegen du ja der Meinung warst, dass dir eh nie jemand helfen können würde.

Und dann? Dann ging es die letzten Wochen doch bergab. Ich hatte durchaus bemerkt, dass es dir mal wieder schlecht ging. Aber wie schlecht wirklich, das hast du diesmal gut versteckt. Ich frage mich die ganze Zeit, ob ich nicht misstrauischer hätte sein sollen. Aber du sagtest, es liege an der Arbeit, dort würden dich alle nur noch ankotzen und du würdest deinen Urlaub nutzen, dir eine andere Stelle zu suchen. Überhaupt hattest du den Urlaub nötig, sagtest du, danach ginge es dir sicher besser.

Ich weiß, vermutlich hätte ich zum Schluss wirklich nichts mehr tun können, aber dennoch quält mich die Frage, wieso ich nicht erkannt habe, wo das hinführt. Der Alkohol, der war immer im Spiel, wenn du eine Dummheit gemacht hast. Und die Tage stieg dein Alkoholkonsum ja doch stark, wie ich fand. Dann war da noch das Löschen deines Twitteraccounts und der Neubeginn dort. Du sagtest, das ginge so schneller, ungewollte Follower auszusortieren. Klang plausibel – und vermutlich war es sogar mit ein Grund. Aber ich hätte misstrauisch werden sollen, auch dies war bisher jedes Mal so.

Dass du ab und zu sagtest, dass du nicht glaubtest, deinen 30. Geburtstag zu erleben, erscheint mir im Nachhinein auch eher wie ein nicht Wollen. Vielleicht interpretiere ich da ja auch völlig über, aber es würde zu deinem gerne mal zynischen Humor passen. Und ich kann mir nicht helfen, aber im immer noch abebbenden Schock scheinen diese Sätze von dir wie ein Puzzle zusammenzupassen. Nach dem Urlaub ginge es dir besser, sagtest du. Keine 30 würdest du werden, glaubtest du.

Dann kam der 2.9. und du gehst einfach so, noch 29-jährig, davon. Erzähl mir nicht, dass du dir das nicht exakt so ausgedacht hattest. Eine Ohrfeige hättest du verdient, ganz ehrlich. Aber auch die werde ich dir nicht verpassen können – ganz abgesehen davon, dass ich das eh nicht gekonnt hätte. Genauso wenig, wie ich am Sonntag zum Telefon greifen konnte, um dich von deiner letzten großen Dummheit abzuhalten; um die Rettungsdienste zu verständigen – zu geschockt war ich in dem Moment der Erkenntnis, zu gelähmt. Und das macht es für mich noch schwerer, dass ich als der Freund, der ich dir über die letzten gut vier Jahre geworden bin, zu nichts mehr in der Lage war.

So lässt du uns alle hier nun mit tausend Fragen zurück, vielen Hätte, Wäre, Wenns. Aber ich wäre kein Freund, wenn ich nicht unter allen diesen nagenden Fragen auch die Hoffnung hätte, dass du vielleicht endlich Frieden gefunden hast. Den Frieden, den du hier so vergeblich gesucht hattest. Ich kann, nach allem, was du mir erzählt hast, sicherlich deine Gründe verstehen. Was ich aber wohl nie verstehen werde können, sind die Konsequenzen, die du aus allem zogst.

Ach ja, und, Frank? Du fragtest bei einer Gelegenheit mal, wer denn schon um dich weinen würde, woraufhin ich dir sagte, dass ich es sicherlich täte. Und du kennst mich: Wenn ich etwas verspreche, dann halte ich das. Gerade rollen mir schon wieder die Tränen über die Wangen…

g.8, Fux, ich werde dich nicht vergessen.

Frank war ein liebenswerter Mensch, wie ich finde, trotz all seiner Probleme. Er ist mir in der kurzen Zeit, die ich ihn kennen durfte, sehr ans Herz gewachsen. Mein tiefster Dank gilt all denen, die handelten, die in dem Moment noch alles Menschenmögliche versuchten, wo ich in meinem Schock nicht mehr handeln konnte. Es tut mir leid, dass es trotzdem vergebens war.

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